Rud. Prey in Zeiten der Weltkriege

Neben den vielen Krisen der vergangenen über einhundert Jahre stehen zwei Ereignisse besonders hervor: Die Weltkriege! Als Schiff- und Maschinenbaubetrieb in der Reichskriegsmarinestadt Kiel mit Lage unmittelbar an der Kieler Förde war das Unternehmen in Kriegszeiten unter anderen von drei Aspekten geprägt: Aufträge der Rüstungsindustrie, Zerstörung und Zwangsarbeit.

Einerseits führten die Kriegsvorbereitung und -aktivitäten zu einer erhöhten Nachfrage der Rüstungsindustrie, insbesondere durch die nahegelegenen Werften mit ihrer Produktion von Kriegsschiffen. Rud. Prey fertigte in Kriegszeiten neben Produkten für die Privatwirtschaft entsprechend auch Güter für die Kriegswirtschaft wie beispielsweise Geschütztransportwagen und Torpedotransportrampen.

Andererseits führte der zweite Weltkrieg für die Stadt Kiel schlussendlich zu verheerenden Zerstörungen, der auch die Produktionsstätten und der Wohnsitz der Unternehmerfamilie Rudolf Prey mit ihrer unmittelbaren Nähe zu den Werften am Wasser zum Opfer fielen.

Die Aufrüstung vor den Kriegen befeuerte zunächst auch das Belegschaftswachstum, allerdings mit den zwangsläufigen Konsequenzen. Beschäftigte das Unternehmen unmittelbar vor dem ersten Weltkrieg noch über 260 Beschäftigte, so fiel die Zahl zum Ende hin zeitweise auf unter zehn.

Auch konkurrierte das Kriegsgeschehen mit den Unternehmen um personelle Kapazitäten. Viele Mitarbeiter wurden zum Kriegsdienst eingezogen und durch ausländische Fachkräfte ersetzt.

 

Zwangsarbeit

Dem Thema Zwangsarbeit und der Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte während des zweiten Weltkrieges in Kiel kann man sich auf unterschiedliche Weisen nähern: durch eine statistische Auswertung von Archivmaterial und durch überlieferte Augenzeugenberichte.

Eine Herausforderung der statistischen Auswertung ist die mangelnde Datenlage, da viele Archive, sowohl Firmenarchive als auch Archive der öffentlichen Hand, durch Luftangriffe stark dezimiert sind oder gar bewusst vernichtet wurden.

Augenzeugenberichte geben zwar ein sehr detailliertes Bild der Arbeits- und Lebenssituation der Zwangsarbeiter und ausländischen Arbeitskräfte in Kiel, aber nur wenige Arbeiter haben ihre diesbezüglichen Erfahrungen öffentlich gemacht oder sind von Historikern befragt worden.

Im Falle von Rud. Prey existiert ein Mitarbeiterverzeichnis in dem die Namen und Wohnorte, Nationalitäten, Geburts-, Ein- und Austrittsdaten sowie teilweise Bemerkungen von bzw. zu den Beschäftigten, Fremd- und Zwangsarbeitern eingetragen sind. Diese Eintragungen lassen im begrenzten Umfang auch Rückschlüsse auf die Lebens- und Arbeitssituationen der ausländischen Arbeitskräfte zu.

Die Zwangsarbeit in Kiel wurde während des Krieges immer umfangreicher und erreichte um die Jahreswende 1943/44 mit ca. 35.000 ausländischen Arbeitskräften ihren Höhepunkt. So waren in Kiel zeitweise ca. 22 % der beschäftigten Arbeitnehmer Ausländer.

Man kann konstatieren, daß das System der Rekrutierung ausländischer Arbeitskräfte im Laufe des Krieges immer restriktiver und brutaler wurde. Kamen zu Beginn des Krieges viele Arbeitskräfte aus dem westlichen Ausland ohne direkten Zwang nach Deutschland, wandelte sich mit dem Überfall auf die damalige Sowjetunion die Freiwilligkeit immer mehr in eine Zwangsrekrutierung oder gar Verschleppung.

Auch im Archiv der Rud. Prey lässt sich diese Entwicklung nachvollziehen. Laut des Mitarbeiterverzeichnisses beschäftigte das Unternehmen während des Krieges insgesamt 65 Zwangs- und sonstige Fremdarbeiter folgender Nationalitäten: 48 Russen und Ukrainer (häufig Doppelnennung im Eintrag), acht Belgier, sechs Tschechen, ein Däne, ein Niederländer und ein Franzose.

Zwei Monate nach Kriegsbeginn wurden vier tschechische Facharbeiter eingestellt und bis Januar 1941 folgten noch ein Tscheche sowie der dänische und der niederländische Facharbeiter. Die Facharbeiter, die zu Beginn des Krieges in Westeuropa angeworben wurden, konnten sich frei bewegen, bezogen Privatquartiere in Kiel, Neumünster und Rendsburg und waren den deutschen Arbeitern in weiten Teilen gleichgestellt.

Sie hatten keine Repressionen zu erwarten, wenn sie sich an ihre vertraglich eingegangenen Verpflichtungen hielten. Grundlage dieser Arbeitsverhältnisse bildeten zwischenstaatliche Abkommen, die die Rahmenbedingungen der ausländischen Arbeitskräfte regelten. Es gab Abkommen unter anderen mit der Tschechischen Republik, Dänemark und Frankreich.

Im Juni des Jahres 1942 kamen weitere 17, im November noch einmal acht russische und ukrainische Arbeitskräfte hinzu. In den Jahren 1943 bis 1945 wurden noch weitere 22 Russen, acht Belgier und ein Franzose eingestellt.

Arbeiter aus Osteuropa, die in die Maschinerie der deutschen Zwangsarbeit gerieten, sind oft bis zum Kriegsende in ihr verhaftet geblieben. Rückführungen waren nur vorgesehen bei Schwangerschaft und schwerer Erkrankung, es gab aber auch Fluktuation zwischen den Betrieben. Das Mitarbeiterverzeichnis von Rud. Prey bestätigt diese Entwicklung: Im Mai 1945 waren noch 28 Zwangs- und Fremdarbeiter beschäftigt.

Nachweislich beschäftigten über 200 Kieler Firmen, Behörden, Krankenhäuser, Handwerksbetriebe und private Haushalte Zwangsarbeiter. Die Unterbringung dieser Arbeiter erfolgte in Gemeinschaftsunterkünften und Lagern. Es gab weit über 100 Lager im gesamten Kieler Stadtgebiet, eines davon in unmittelbar Nähe zum heutigen Unternehmensstandort in Hassee – das sogenannte „Arbeitserziehungslager Nordmark“, in dem 578 Insassen ums Leben kamen.

 

Fazit:

Kein Unternehmer in Kiel wurde gezwungen, Zwangsarbeiter einzustellen oder nationalsozialistischen Organisationen, wie der der Reichsarbeitsfront beizutreten oder sich gar in diesen zu engagieren. Die Arbeitskräfte wurden von den Betrieben beim Arbeitsamt angefordert und von diesem zugeteilt. Verzichtete ein Unternehmer auf die Einstellung ausländischer Arbeitskräfte, hatte er wirtschaftliche Einbußen zu befürchten, da er beispielsweise von öffentlichen Aufträgen durch das Kriegsschädenamt oder die Rüstungsindustrie ausgeschlossen werden konnte.

Das Unternehmen Rud. Prey war neben der privatwirtschaftlichen Produktion in Zeiten des Nationalsozialismus sowohl für die Werften als auch zur Instandsetzung der Kriegsschäden beispielsweise am benachbarten Bahnhof tätig.